Polaritäten

In seinen neuen Werken ist Hans Eggenberger den Weg der Reduktion konsequent weitergegangen.Seine bildnerische Sprache hat dadurch an Klarheit und Einfachheit gewonnen. Wo früher Pyramiden schwebten und Linien ins Unendliche drängten, ist heute nur noch die leere Fläche, in der wenige Akzente das Auge irritieren und zu neuen Wahrnehmungen anregen. Die kleinen, schlitzartigenFormen sind mit der Air-Brush so exakt auf den Karton gespritzt, dass man sie leicht für Einschnittehalten könnte, und die Linien werden manchmal so fein, dass sie wie entmaterialisierte Lichtsubstanz wirken.

In einer grösseren Werkgruppe setzt sich Hans Eggenberger mit der Polarität von Positiv und Negativ auseinander. Jeweils zwei Bilder, ein schwarzes und ein weisses, stehen einander gegenüber - eins ist ein Spiegel des andern, reflektiert die Struktur seines Gegenstücks. Nur manchmal durchbricht der Maler die strenge Polarität, etwa, wenn er eine grüne Linie im Gegenstück nicht rot werden lässt. Dies zeigt auf, dass sich Hans Eggenberger trotz aller konstruktiven Klarheit vom Gefühl leiten lässt, was vielleicht die Weichheit erklärt, die trotz aller geometrischen Gesetzmässigkeit in seinen Bildern mitschwingt.Mit den Polaritäten macht Hans Eggenberger auf ein Grundgesetz des Universums aufmerksam, das alle Chemie und Physik, alle Lebensfunktionen durchzieht. Ohne die Gegensätzlichkeit von Positiv und Negativ wäre es dem Menschen nicht einmal möglich, einen Muskel zu bewegen, und auch die Rhythmen von Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod erzählen davon. Was die Chinesen im Yin-/Yang-Symbol ausdrücken, findet bei Hans Eggenberger eine neue Gestalt.Alles Leben, alle Materie, aller Geist ist ein Vibrieren zwischen Gegensätzen, eine höhere Einheit hinter der Polarität lässt sich erst jenseits des Gestalteten finden, im unerschaffenen Ursprung, der von Name und Form unberührt bleibt.

Wer sich zu sehr an die früheren Bilder von Hans Eggenberger gewöhnt hat, wird sich an die neugewonnene Klarheit und Einfachheit erst annähern, wird den Umgang mit diesen stillen Zonen erst lernen müssen. Der Lernprozess lohnt sich, denn das Weitergehen und Reduzieren hat Hans Eggenberger ohne Zweifel zu mehr Tiefe und Reinheit geführt. Augenfällig mögen auch dem flüchtigen Betrachter die augentäuscherischen Effekte sein, die der Maler in seinen neuen Arbeiten erzielt. Da ist einmal der plastische Eindruck der Schlitzform, die wie Einschnitte wirken und sich bei längerer Auseinandersetzung zu bewegen scheinen. Und da ist die nur scheinbar leere Fläche, die durch die sparsamen Eingriffe eine neue Identität erhält. Die wenigen Akzente schaffen einen Sog in die Tiefe, der den Betrachter dazu verführt, sich eingehend mit der Fläche auseinanderzusetzen. Langsam wird in diesem vertieften Wahrnehmungsprozess der Reichtum der Einfachheit sichtbar, und es lässt sich erleben, wie die kleinste Veränderung die ganze unbearbeitete Fläche ins Schwingen bringt und damit verwandelt. Dies sind allerdings leise Töne, auf die sich der an Lautes und Plakatives gewöhnte Betrachter erst einstimmen muss.

Hans Eggenbergers neue Werke erinnern an jenen chinesischen Maler, der dem Kaiser einen Paravent mit zwei Drachen bemalen sollte. Jahrelang zog sich der Maler zurück und war mit seiner Arbeit unzufrieden. Als er sein Werk endlich enthüllte, befand sich darauf nur ein blauer und ein roter Strich. Der Kaiser mag zuerst entsetzt gewesen sein, doch schliesslich kamen in den beiden schlichten Pinselgesten die Kraft der beiden Drachen und die Quintessenz jahrelangen Ringens zum Vorschein. Etwas von dieser entmateriallsierten Energie, die in der leisesten Bewegung die Erfahrung von Jahren mitschwingen lässt, wird in der Arbeit von Hans Eggenberger sichtbar. Einfachheit, aus der Reife spricht. Die Ecken und Kanten, die bunten Vielheiten sind abgeschliffen. So wie alle Polarität in die Einheit zurückkehrt, hat sich die überschlagende Phantasie zu einfachen Akzenten verdichtet, in denen sich die malerische Kraft von hundert Bildern ballt. Freilich, viel Arbeit und Kampf  ist den Werken nicht mehr anzusehen. Sie gleiten mit der Leichtigkeit des Seiltänzers dahin, doch weiss jeder, der sich über den Abgrund zu balancieren versucht, dass es dazu den Meister braucht. Mögen die Schweisstropfenauch nicht sichtbar sein, sie sprechen aus der kompakten Dichte, die der Maler in seinem Werk erreicht. Dem Betrachter bleibt's überlassen, sich in diese mit minimalen Mitteln erreichte malerische Tiefe einzufühlen. Das mag am Anfang nicht ganz einfach sein, weil die bildgewordene Einfachheit schlüpfrig ist wie ein Fisch und dem Ungeübten immer wieder entgleitet. Doch ist es immer einigen Aufwand wert, einem Maler auf die Spur zu kommen, und schliesslich ist Hans Eggenbergers gestalterische Quintessenz auch nicht von heute auf morgen entstanden.

Thomas G. Brunner

Text zum Katalog "Hans Eggenberger"
Erschienen im April 1990