Klagelied eines Verehrers

Wer als Auswärtiger in Werdenberg einen Künstler sucht, wird kaum auf Hans Eggenberger stossen. Wer aber den gelernten Vermessungszeichner kennengelernt hat, der weiss bald einmal, dass er einen Künstler gefunden hat.

Hans Eggenberger hat die wesentlichen Bestandteile seines erlernten Handwerks zur Kunst reifen lassen: Die Genauigkeit hat er übernommen, Struktur und Formgebung zu Instrumenten einer ganzheitlichen Aussage verfeinert und in Form aussergewöhnlicher Ideen, die durch Einfachheit bestechen, eine grosse Portion individueller Einfälle beigemengt. Die Kunst, die daraus resultiert, ist weit weg von jeder Vermessungs-geometrie, und trotzdem ist die Herkunft bewusst nicht vertuscht. Der Grabser Künstler ist sich selbst treu geblieben, ja es scheint beinahe, dass er auf der Suche nach sich selbst mühelos, aber zwingend, zu dieser seiner ureigensten, schöpferischen Ausdrucksweise gelangt ist. Die Anfangsworte im Gästebuch scheinen dies zu bestätigen. Dort stehen Gedanken von Oskar Wilde, und zu Beginn ist zu lesen: "Die Kunst ist die stärkste Form des Individualismus, welche die Welt kennt ..." Hans Eggenberger befindet sich mitten auf der Suche nach dem eigenen Individualismus, der Wanderung auf einem Weg also, an dessen Ende er selbst stehen würde, wäre die Suche irgendwann einmal zu Ende. Ein Ende aber ist nicht abzusehen. In einer relativ kurzen schöpferischen Zeit, hat er immer wieder bewiesen, dass er jederzeit für Überraschungen gut ist. Kaum hat er sich in einer bestimmten Stielrichtung etabliert und sich in Kunstkreisen beliebt gemacht, wie etwa mit seinen Theaterlandschaften, da schreitet er munter weiter, Neuem, Abenteuerlichem entgegen, und seine Bewunderer, für die er gerade noch so greifbar und verständlich war, lässt er zurück, schwelgend in Verflossenem und sich fragend, warum denn das Neue sein müsse. Irgendwann aber packt er sie wieder, die Verehrer seines künstlerischen Schaffens, lässt sie teilhaben an seinen Gedanken, um bald danach wieder unverständlich und fordernd zu wirken. Im Gästebuch ist weiter von Oskar Wilde zu lesen: "Der Künstler allein kann ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen, ohne irgendwelches Dazwischentreten, etwas Schönes gestalten, und wenn er nicht allein zu seiner ureigensten Freude kommt, so ist er überhaupt kein Künstler". Diese Worte beim Wort genommen, muss man neidlos anerkennen: Hans Eggenberger ist ein Künstler.

Er ist nicht nur einer, der sich, entgegen ungeschriebenen Gesetzen der Kunst, des Zirkels, des Massstabes oder der Schablone bedient, er ist auch sonst in der Wahl der Aussage nicht zu Kompromissen und Ungenauigkeiten bereit. Die Reduktion der Aussage aufs Wesentliche ist ihm Anliegen und Verpflichtung, und je einfacher sich die Aussage auf der Leinwand niederschlägt, desto mehr hat er selbst um die Art dieser Aussage gerungen.

Hans Eggenberger ist ein Künstler zum Anfassen, der einem aber immer wieder entgleitet. Er ist ein Künstler fürs Gespräch, der ständig neue Gedanken herausfordert. Er ist ein politischer Mitbürger, der, auf der Suche nach sich selbst, mit Hilfe seiner Kunst, Mitmenschen, die sich mit seiner Kunst befassen, zu strukturierterem und genauerem Denken verleiten kann, sie zu einer Reduktion aufs Wesentliche zwingt und dadurch den einen oder andern wieder ein grosses Stück zu sich selbst und seinen ureigensten Bestrebungen und Wünschen zurückführen kann.

Hans Eggenberger wird wohl Zeit seines Lebens ein "Kunstwanderer" bleiben, kaum je längere Zeit auf eine Ausdrucksweise zu fixieren sein, und schon deshalb kann die vorliegende Broschüre nur eine vergängliche Momentaufnahme sein.

Hansjürg Vorburger

Text zum Katalog "Hans Eggenberger"
Erschienen im Oktober 1985