Lexikonartikel über Hans EGGENBERGER für das ‚Allgem. Künstlerlexikon' (AKL 3x):


Eggenberger
, Hans, schweiz. Zeichner, Maler, Objekt-
künstler, * 26. 3. 1956 Chur, lebt in Grabs/St. Gallen.
1972-1976 Ausb. zum Vermessungszeichner. Seit 1978 künstler.
tätig. In grosser Vielseitigkeit wechselt E. fast all-
jährl. Thema und Technik: E. der 70er Jahren enstehen in
Tusche, Bleistift und Aqu. geometr. Figurationen
in konstruktiv-kosm. Bildraum, seit 1981 mit Plakatfarben
und Tusche schwebende Körper und Linien, ab 1987 mit
Air brush lanzettförmige Striche und Winkel auf weissem
Bildgrund und oft blaue Bänder aus Folie, teilw. ver-
deckt von Kunststoffplatten. Seit den 90er Jahren domi-
niert die reine Planung und die Gest. von Räumen
(Ausst.- Wänden) und Katalogen. Die Gem. und Raum-
interventionen werden zusehends puristischer, plast. sowie
a-themat. und erinnern in dieser zeitl. Reihen-
folge an Maurits Cornelis Escher, Victor Vasarely, Lu-
cio Fontana, Richard Serra und Donald Judd. Ziel ist
die Verräumlichung der Darst. -Fläche in minimalist. Ma-
nier bis zum "tragenden Unendlichen im Fluss der Zeit".

W: D BUCHS, Bank Wartau Sevelen. - UBS.
GAMS, Kantonalbank. –
GRABS, Oberstufenzentrum Kirchbünt. – Rathaus.
LINSDORF/Elsass, Wand-Gem.
ST. GALLEN, Kantonsspital. –

A: E: 1980 Grabs, Kulturdiele / 1982, '83, '88 (K) Basel,
Gal. Team 70 / 1990 Sargans, Schlossgal. (K). –
G:1984, '85, '87, '89 Sevelen-Vaduz, Rheinbrücke /
1985, '89, '93 St. Gallen, OLMAHalle 9.

L: KVS, 1991;
Biogr. Lex. der Schweizer Kunst, I, Z. 1998. -
Schubladen (K Gal. Tangente), Eschen 1981; A. Fleck Terra Plana 1982 (1);
H. Vorburger, H.E., Buchs 1985. - Mitt. E.

Th. Greub


Über Hans Eggenberger: oder das "gegeneinander Unendliche"

[Ausführliche Version des Lexikon Artikels für das "Allgemeine Künstler-Lexikon " (AKL, Bd. 33)]

"Wir wissen von keiner Welt als im Bezug auf den Menschen;
wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist."
(Goethe)


Auf den ersten Blick scheinen die Arbeiten von Hans Eggenberger wenig Gemeinsamkeiten untereinander zu besitzen. Ihre Verwandtschaftsbeziehung scheint gegeneinander unendlich zu sein. Beinahe jedes Jahr taucht ein neuer Stil auf. Eggenbergers chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit scheint unerschöpflich zu sein. Wie ein Magier zaubert er immer neue Themen, Techniken und bildnerische Sprachen aus seinem Hut der Kunstfertigkeit.

Auf seiner Homepage teilt Eggenberger sein bisheriges Oeuvre in ein "Frühwerk" (1978-1979), eine "Analytische Geometrie" (1980), "Weisse Blätter" (1981), "Theaterlandschaft" (1982) und "Religiöse Werke" (1982-1984) ein. Dabei sind die letzten fünfzehn Jahre von 1985 bis heute noch gar nicht erfasst. Was hat das Theater in Landschaften mit Blättern zu tun, an denen offenbar wichtig ist, dass sie "weiss" sind oder was analytische Geometrie gar mit Religion? Immerhin findet sich im Internet eine Predigt zu einem der Gemälde mit religiösem Inhalt.

Sehen wir uns nach den Titel Themen die Techniken durch, die Eggenberger bis heute benutzt hat. Zuerst malte er (seit seinen Anfängen als selbständiger Künstler Ende 1978) mit Tusche, Bleistift und seltener Ecolin auf Papier, dann ab 1981 mit Plaka und Tusche auf Karton. Danach haben sich die Arbeitsweisen noch mehr diversifiziert: Seit 1987 gestaltet er in Air Brush Technik, in den 90er Jahren kommen Arbeiten mit Plexiglas als Bildträger und Holzrechtecken dazu, seit 1998 Kunst im Internet – die nur derjenige nicht eine Technik nennen wird, der noch nie einen Computer bedient hat.

Was stiftet hier Verbindung? Was hält dieses überbordende Werk zusammen?

Festzuhalten gilt, dass sehr wohl Tendenzen im künstlerischen Schaffen zu erkennen sind. Damit soll keine folgerichtige Entwicklung angesprochen werden, sondern der bisherige schaffende Lebensweg von Hans Eggenberger versuchsweise nachgezeichnet werden. Zunehmend erfolgt die Ausführung seiner Werke nicht mehr von eigener Hand, sondern wird kundigen Spezialisten überlassen. Etwa bei den Plexiglas-Bildern Modellbauern, Schreinern usw.. Zweitens erkennt man schnell eine atemraubende Reduktion gleichsam ‚am' Werk. Im Frühwerk bis zu den "Religiösen Werken" herrschen Titel vor, diese verschwinden dann zusehends. Nichts soll von den eigentlichen Arbeiten ablenken, keine Assoziation soll sie trüben. Die Werke brauchen solche Hinweise auch gar nicht. Sie sind nur aus sich selber zu verstehen und im Raum, der sie umgibt.

Ist damit zuerst nur der Betrachter vor den thematischen, halluzinativen Frühwerken gemeint, so wird bald (und das wäre die dritte Entwicklungstendenz) der gesamte Raum immer wichtiger. Sei es, dass Eggenberger die Wand, wo eines seiner Bilder in einer Ausstellung hängt, gleich mitgestaltet, sei es, dass er beginnt, Wände und Räume, ja ein Gebäudekomplex gestalterisch mit seinen Ideen und Konzepten zu prägen.

Es geht in solchen Projekt nicht mehr darum, den Bildern eine Suggestionskraft mitzugeben, in ihnen etwa Spiralformen oder schwarz-weisse Rasterungen zu verwenden, sondern zwischen dem Betrachter und dem Werk, oder vielleicht besser: dem gestalteten Objekt, eine Wirkung zu erzielen.

Diese Wirkung lässt sich konkreter fassen, wenn wir nun doch versuchen wollen, die verbindenden Momente zu sehen. Bis jetzt haben wir nur Tendenzen erhaschen können: Planung statt eigenhändige Ausführung, die Reduktion der bildnerischen Elemente, die Öffnung auf den Raum hin und somit zum Betrachter.

Als Grundfrage könnte man versuchen, zu beantworten, wie Eggenberger mit dem Raum in seinen Bildern und Raumgestaltungen umgeht. Die Raumgestaltung scheint das Herz von Eggenbergers Schaffen zu umreissen.

In den frühen Arbeiten der 80er Jahre besitzt der Bildraum eine besondere Qualität: er irritiert durch seine Konkretheit das menschliche Auge mit einem Vasarely-Effekt, bei dem ganz klar unterscheidbare Flächenmuster in unserer Wahrnehmung zu flimmern oder sich zu bewegen beginnen. Oder gelbe Linien und wie herumschleudernde Rechtecke, die ehemals zu einem ebensolchen grossen Feld aus Rechtecken gehörten, fliegen buchstäblich durch die Luft. Der Raum in den Bildern besitzt stets eine ätherische Qualität, die geometrischen Körper darin schweben oder werden durch ihn hindurchgeschleudert. Oder täuscht auch dies unser Blick: sind diese Rechtecke gerade dabei, sich vor unseren Augen zusammenzusetzen?

Eine bewegte, irritierende und schwebende Raumqualität. Ähnlich verhält es sich auch bei den Arbeiten im konkreten, und nun nicht mehr im Bild Raum. Der Betrachter sieht sich veranlasst um die Werke zu kreisen, sie von möglichst vielen Seiten erschliessen zu wollen. Das ist ihre plastische Eigenschaft. Sie versuchen, auch wenn sie (wie die Plexiglasinstallation) zuerst wie ein flaches Gemälde aussehen, in den Raum zu expandieren. Nun scheint es nicht mehr so unlogisch, dass Hans Eggenberger seit 1998 mit dem Internet experimentiert: er expandiert in den Raum, einen ebenso bewegten, irritierenden wie vorher der Raum der Gemälde, in den virtuellen Raum des globalen Netzes. Wir dürfen gespannt sein, welche ‚Häschen' uns Hans Eggenberger aus diesem neuen Zauberhut hervorvirtualisiert.

Was ist aber die inhaltliche Quintessent von Eggenbergers Arbeiten, neben dem eben für den Bildhintergrund und den Umraum beschriebenen formalen Aspekt?

Alle Werke, sowohl die als "analytische Geometrie" bezeichneten als auch etwa die religiösen eint die Suche nach dem, was man mit Worten von Hans Eggenberger die "tragende Unendlichkeit" nennen könnte. Wie schon beschrieben, schweben Kugeln in einem leeren, kosmischen Raum, der nicht verortet werden kann. Aehnlich verhällt es sich bei den Gemälden mit spirituellem Inhalt: sie lassen sich nicht an einen biblischen ‚Ort' verfrachten, zeigen ‚nur' die Enstehung (oder Zerstörung) der Welt, ein allererster oder der letzte Blitz zuckt über die Bildfläche. Die Räume sind ganz wörtlich utopisch, also ‚ohne-Ort'. Dennoch eigent ihnen eine zeitliche Qualität: sie sind Nullpunkte, wo alles anfängt oder alles aufhört.

An einem beliebigen Bild der Phase, die an Gemälde von Lucio Fontana erinnert, kann dasselbe auf einer anderen Ebene gezeigt werden. Jetzt nicht mehr bildthematisch, sondern in der minimalistisch reduzierten Bildsprache. Eggenberger belässt das Bild als "weisses Blatt" und bringt meist in einer Ecke oder an einem Rand eine in etwa lanzettförmige, manchmal konkav, manchmal konvex verlaufenden leicht gebogene Linie an, wie sie der Schatten einer schräg von der Seite angestrahlten Stecknadel wirft. Sie wirkt wie ein Schlitz, ist aber mit Air Brush ultraexakt aufgesprüht – wie nicht von Menschenhand hergestellt, acheiropoieton nannten man dies im Mittelalter. Dies ist eine ganz spezielle Form von Abstraktheit, die weit über eine im geläufigen Sinn ungegenständliche Malerei, also eine ohne wiedererkennbare Gestaltungszeichen arbeitende Kunstform, hinausgeht.

Das Schweben des Raumes, seine Irritation, die Abstraktheit der Lineaturen und dazu noch die an die Minimalart eines Donal Judd gemahnende serielle Wiederholung und allmähliche Steigerung, wenn ein kleines Reckteck neben ein grösseres und dann immer weiter neben ein noch grösseres zu liegen kommt, bewirken ein Gefühl von Unendlichkeit . Wir wissen nicht, wie weit diese Reihung (in unserem Beispiel, der Rechtecke) noch weitergeht, oder: wir können die spaltartige Linie kaum mehr erfassen und vermögen nicht anzugeben, wohin sie führt.

Diese beschriebenen Muster nun so zu kombinieren, auszuwählen, bemalen zu lassen (oft in der Kombination blau und gelb, wie sie Johannes Vermeer so sehr liebte) ist die Arbeit des Künstlers, er muss schauen, dass sie sich als tragend erweisen. Als tragend für das Bild selber, dass es ‚funktioniert' im Bild, aber auch für den Raum im öffentlichen Bereich und damit zuletzt für den einzelnen Betrachter. Nur wenn dieser spürt, dass dieses Werk uns hält, uns trägt, dann erfahren wir die "tragende" Kraft der Werke von Hans Eggenberger.

Zuletzt erfahren wir damit uns selbst, so wie der Künstler dabei mehr über sich selber erfahren haben mag, und geraten in die "Unendlichkeit" der Objekte. Das heisst so viel, dass wir unseres ‚Woher?' ebenso eingedenk werden wie auch unseres ‚Wohin?'. Die Geschichte, unsere Vergangenheit, das Gestern, oder wie man es nennen möchte geht mit der Zeit der Zukunft zusammen (manchmal explodiert es, manchmal halten sie sich im Blickkontakt), weil die Werke auf dieser Zeitachse funktionieren, die wir mit "Unendlichkeit" beschrieben haben, wir könnten sie mit einem Wort des Künstlers auch den "Fluss der Zeit" nennen. Dafür sprechen auch die Doppelbilder von Hans Eggenberger: auffallend oft kombiniert er zwei Gemälde oder zwei Objekte als Einheit der Gegensätze, lässt sie einen Dialog führen, wie das chinesische Pärchen Yin und Yang.

Somit erfahren wir das, was schier nicht zusammen zu gehen scheint: ein leeres "weisses Blatt" und eine minimale Linienführung als interne, schattige Rahmung, oder den Bildgrund und die geometrsichen Bildhimmelskörper, oder – und das sei nicht verschwiegen – unsere erste Annäherung an das klare und zugleich komplexe Werk von Hans Eggenberger. Es zeigt uns das uns tragende "gegeneinander Unendliche".


Thierry Greub, Basel, den 21. Juni 2001 (Erg. Dezember 2001)

e-mail
th.greub@datacomm.ch