Von der "Analytischen Geometrie" zum "Weissen Blatt"

Hans Eggenberger — ein junger Künstler mit eigenen Ideen

Begegnung mit einem eigenartigen Kunststil

Der 1956 geborene und in Grabs aufgewachsene Hans Eggenberger gehört einer Künstlergeneration an. die nicht viel von «Exaktheit» hält. Man fragt sich daher unwillkürlich: Was geht in einem jungen Menschen vor, der entgegen einem gewissen Trend in der Kunst die exakte Form, die bis in das letzte durchdachte Konstruktion anwendet und damit — das ist dabei das Erstaunliche — nicht irgend ein totes Gebilde produziert, sondern es versteht, gerade in der Strenge und im konstruierten Aufbau Kunst lebendig erscheinen zu lassen? Mag bei Hans Eggenberger auch die Ausbildung zum Vermessungszeichner mitgespielt haben, so ist doch nicht die Technik, sondern der Geist seiner Bilder der Ausdruck seiner inneren Persönlichkeit

Der ersten Ausstellung Eggenbergers in der Kulturdiele Grabs im Jahre 1980 folgten noch vier weitere Einzelausstellungen und zwei Gruppenausstellungen, die in der Kunstszene auf den jungen Künstler aufmerksam machten. Hans Eggenberger selbst nennt seine Werke «Analytische Geometrie» und «Weisse Blätter». Besonders in der analytischen Geometrie sind seine Arbeiten sehr stark von der Idee des Konstruktivismus getragen.

Eine faszinierende systematische Freiheit

Hans Eggenberger will Bilder schaffen, die den geistigen Bedingungen unserer technisch und wissenschaftlich geprägten Welt entsprechen, und gerade durch die konstruierte Form dem modernen Menschen ein ihm gemasses ästhetisches Erlebnis vermitteln. Die geometrischen und stereometrischen Elemente des Konstruktivismus kommen der Veranlagung des Künstlers entgegen. Sie fordern immer wieder seine gestalterische Akribie heraus Zudem versteht es Eggenberger, durch Farbnuancierungen die eigentliche Zeichnung so hervorzuheben, dass sie gleichsam im Raum schwebt.

Ins Unendliche gehende Perspektiven

Manchmal liegt die Stärke der Bilder in der Wiederholung, denn der Konstruktivismus lebt auch aus den kristallinen Strukturen, die in unserer Welt einen grossen Teil der Materie aufbauen. Deutlich zeigt sich diese Richtung bei dem Werk "
Gygant". Das Bild wächst aus der Mitte heraus, sich vervielfältigend, und man kann sich ohne weiteres vorstellen, dass es in die Unendlichkeit weitergehen könnte. Dabei besitzt es eine vibrierende Lebendigkeit; man meint das Pulsieren der Kreise zu spüren die das Licht tragen. Ein ähnliches Prinzip hat der Kunstler bei der Arbeit "Metamorphose" angewandt; auch hier paart sich Exaktheit mit Grenzenlosigkeit, vereinbart sich Unvereinbares in einer lebendigen Darstellung. Um der Lebendigkeit der künstlerischen Aussage willen hat sich Eggenberger nie ganz an die Gesetze des reinen Konstruktivismus gehalten. Er hat immer "Stimmung" mit in die Bilder gebracht, weil es ihm nicht um eine Richtung oder gar um ein Dogma ging, sondern um seine persönliche künstlerische Gestaltungsmöglichkeit. Doch der Kunstler wollte sich bewusst nicht auf die Dauer an einen bestimmten Stil binden. Er suchte nach einer Weiterentwicklung, ohne es auf eine abrupte Zäsur ankommen zu lassen, denn er fühlte, dass gerade der strenge Konstruktivismus die Gefahr in sich birgt, in das rein Dekorative, bloss Aesthetische abzugleiten

Die
"Weissen Blätter"

Der Weg zu den neuen Arbeiten war ein wichtiger Entwicklungsschritt. In seinen "Weissen Blätter" fährt Eggenberger fort, innere Strömungen in Bildfolgen sichtbar zu machen. Er reduziert die geometrischen Formen, bringt aber bildbestimmende Stilelemente der konkreten Malerei ein, die mehr von der Linie und der Farbe her leben und nicht von der Fläche. Der Künstler verwendet die "Linien" der konkreten Malerei als Stimmungsträger und setzt als Gegensatz zwar stilisierte, aber erkennbare Naturformen ein. Er will kein rein ästhetisches, assoziationsloses Bild schaffen, sondern den "Stil" zur Aussage benutzen. Der Kritiker Jens Dittmar nannte die "Weissen Blätter" epische Bilder. Verständlich wird diese Beurteilung, wenn wir die "
Vermessung" betrachten. Das Bild weckt Berufsassoziationen: es "erzählt".
Die Blickpunkte der neuen Arbeiten sind kühl kalkuliert; sie werden dadurch zu "gelenkten Spannungsfeldern", die wir als "zeitgemäss" und manchmal auch erschreckend verständlich empfinden. Die "Weissen Blätter" fordern den Betrachter eindringlicher als die Bilder aus der analytischen Geometrie zum Nachdenken auf und reizen vielleicht auch einmal zum Widerspruch.
Von seinen früheren Werken hat sich der Künstler nicht völlig getrennt: bestimmte Konstruktionen bleiben weiterhin tragende Elemente der neuen Bilder und haben nichts von ihrer Kraft verloren, auch wenn sie vom Format her auf den "Weissen Blättern" eher wesenlos wirken
 

Annemarie Fleck, Vaduz

Terra Plana, Nr. 1, Frühling 1982